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AUSZUG/ EXZERPT |
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Auszug 1 aus "Die schmutzige Frau". Erzählform: Der auktoriale Erzähler
Irene wirft einen kurzen Blick auf den Mann, der ihr bittend seinen Hut vor die Nase hält. Sie stockt und hetzt dann entsetzt an ihm vorbei. Als wäre ihr der Teufel begegnet, hastet sie weiter in Richtung ihres geparkten Autos. Beklommenheit legt sich wie eine Schlinge um ihren Hals und nimmt ihr den Atem. Ihr Gesicht ist weiß und fahl, die ohnehin schon sehr schmalen Lippen zu einem Strich zusammen zusammengepresst. Die kleine weiße Tüte mit der Aufschrift des Bäckers in der Stadt hält sie fest umklammert. Irene freut sich die ganze Woche auf ihr Samstagmorgenfrühstück. Normalerweise holt ja Daniel das frische Gebäck, aber heute Morgen ist sie vor ihm geflüchtet. Schweißperlen glänzen auf ihrer Stirn. „Verdammt, wo ist nun wieder dieser Schlüssel?“, flucht sie laut vor sich hin. Ihre dicken Finger kramen im Chaos ihrer Handtasche. Na endlich! Da ist er ja! Umständlich zwängt sie sich in ihren Audi A4 Combi. Sie zittert. Die Geister der Vergangenheit treiben sie in die Enge. Die Panikattacke dauert jedoch nur wenige Augenblicke. Irene wischt sich mit einer schnellen Geste den Schweiß von der Stirn und wirft dem Polizisten an der Kreuzung einen lasziven Blick zu. Er lächelt zurück. Männer. Sie biegt in die nächste Straße ein. Schon wieder ganz Herrin über sich selbst, macht sie sich auf den Weg nach Hause. In der Ferne erblickt sie das alte Bauernhaus ihrer Großmutter. Gedanken an die mühevolle Kleinarbeit, mit der sie es in ein wahres Kleinod verwandelte, begleiten sie, wie jeden Tag. Erinnerungen an den eigenen und den Schweiß der mit Füßen getretenen Liebhaber der letzten zehn Jahre ziehen an ihr vorbei. Die meisten waren wirklich nette Kerle. Aber alle mussten büßen, für Verletzungen und Wunden, die ihr andere zugefügt hatten. Das Haus ist eine Oase geworden. Ihre Oase. Wenn sie die Großstadt verlässt, hat sie jedes Mal das Gefühl, eine andere Welt zu betreten. Die letzten drei Kilometer durch den Wald fährt sie immer ganz langsam. Als möchte sie den Weg huldvoll antreten. Lange hat sie mit Claus diskutiert, welches Gelb sie für die Grundierung des Gebäudes nehmen soll. Die grünen Fensterläden, die dem Haus eine heimelige Atmosphäre verleihen, ergaben sich dann wie von selbst. Wagen müssen etwa hundertfünfzig Meter vor dem Haus abgestellt werden. Ein langer Kiesweg wurde von der asphaltierten Straße weg aufgeschüttet. Er ist nicht befahrbar. Er ist zu schmal. Und das ist auch der Zweck. Irene erlaubt es niemanden, sich ihrem Haus mit einem Auto zu nähern und diese unwirklich saubere Welt zu stören. Und es liegt in ihrer Natur, dass sie keinen Widerspruch duldet. Hunderte Stunden Arbeit stecken in dem Rosengarten, der das Haus umringt. So schmutzig es auch in Irenes Kopf, in ihrer Seele aussehen mag, ihr Nest ist so gepflegt wie ein englisches Anwesen. Nur wenn sie durch den Garten und durch das Haus streift, beginnt ihr massiger Körper mit den üppigen Brüsten sich wirklich zu bewegen. Ja, und nicht zu vergessen: im Bett. Und das sicher nicht zum Nachteil ihrer Spielgefährten. Sie parkt ihr Auto in der Auffahrt und geht den Weg zum Haus, voller Bewunderung für die Natur und für ihre Werke. Als sie den Schlüssel ins Schloss stecken will, öffnet Daniel die Tür. Mit zusammengezogenen Augenbrauen stößt sie ihn zur Seite und tritt ein. In ihr Haus. Er läuft hinter ihr her, fragt mit leiser, demütiger Stimme, ob sie sich denn nicht freue, ihn zu sehen.„Daniel, ich kann dich und deinen Dackelblick einfach nicht mehr ertragen! Du bist wie ein treuer Hund. Und Haustiere wolle ich noch nie!“ (...)
Auszug 2 aus "Die schmutzige Frau". Erzählform: Die Rückblenden (...) Christian hatte Andrea und Marcus abgeholt. Und ich hatte sie tatsächlich gehen lassen. Nachdem die Tür hinter ihnen in Schloss fiel, holte ich die Fotoalben aus besseren Tagen hervor. Waren es wirklich bessere Tage gewesen? Zumindest hatten meine Kinder damals noch zu mir gehört. Ich konnte mich noch ganz genau an den unbändigen Stolz erinnern, als ich meinen Sohn zum ersten Mal in den Armen hielt. Ich war sofort verliebt in dieses kleine Bündel Mensch, dessen Herz noch vor einigen Minuten im gleichen Takt mit dem meinen in mir geschlagen hatte. Dieser warme Geruch, dieser kleine gierige Mund, der augenblicklich an meiner Brust zu saugen begann. Ich war überwältigt vor Glück und Liebe. Und nun, nicht einmal fünf Jahre später, sollte alles vorbei sein? Sollte ich meine Kinder tatsächlich verloren haben? Und auch noch aus eigenem Verschulden? Keine Sekunde mehr wollte ich länger in dieser Wohnung bleiben. Ich musste dringend raus. Sollte ich ins Fitnessstudio fahren? Zu Beate? Nein, keiner konnte mich verstehen. Ich hatte Angst vor Vorwürfen, vor dem Unverständnis der Anderen. Also fuhr ich zur nächsten Tankstelle und kaufte mir ein Sechserpack Bier. Ich stellte meinen alten Fiat Uno zu Hause ab und ging an die Donau. Ich wollte für immer in das schmutzige Gewässer eintauchen. Dort, an der großen Biegung des Flusses, traf ich schon immer meine Entscheidungen. Dort setzte ich mich auf die alte Bank und trank langsam eine Dose Bier nach der anderen. Nach jedem Schluck wurde mir wärmer, die Dämonen in meinem Kopf begannen langsam, ihre hässlichen Fratzen zu verlieren. Es war schon dunkel, als ich ziemlich betrunken nach Hause getorkelt war. Irgendwann war ich eingeschlafen. Im Wohnzimmer. Auf meinem billigen Ikea – Sofa, das ich bis vor kurzem noch für wunderschön gehalten hatte. Weil es mir gehörte. Am nächsten Morgen schaffte ich es gerade noch pünktlich zur Arbeit. Es gab unheimlich viel zu tun und hätte mich meine Kollegin Petra nicht an den Gerichtstermin in meiner Mittagspause erinnert – ich hätte ihn einfach vergessen. Als ich das Foyer des Gerichtsgebäudes betrat, war Christian schon da und unterhielt sich angeregt mit seinem Anwalt. Diesen Typen konnte ich noch nie ausstehen. Er hatte mich schon bei der Scheidung gedemütigt. Nie werde ich den Klang seiner harten Worte vergessen, als ich versuchte, höhere Alimente für meine Kinder zu bekommen: “Die Hurerei der Mutter wird nicht über die Kinder finanziert!“ Hurerei! Nein, damals war ich noch keine Hure. Und heute stand ich diesem Frauenfeind wieder gegenüber und diesmal auch noch ohne Anwalt. Denn für derartige Sonderausgaben hatte ich einfach kein Geld. Ich war verdammt allein. Der Richter fragte mich mehrmals, ob es mein freier Wille sei, die Kinder bis auf weiteres in der alleinigen Obhut ihres Vaters zu lassen. Leider wollte ich die Ungläubigkeit in seiner Stimme nicht bemerken. Er ließ von seiner Gehilfin einen juristischen Text verfassen, mit dem ausdrücklichen Vermerk, dass ich das Sorgerecht für die Kinder nur wegen der schlechten Betreuungssituation an den Vater abtrete. Und erklärte mir noch einmal ganz eindringlich, dass dieses Urteil trotz meiner Unterschrift erst in vierzehn Tagen rechtskräftig werde. Mein Besuchsrecht wurde nicht festgelegt, genau so wie damals nicht, nach der Scheidung, als ich das alleinige Sorgerecht hatte. Es mag sich naiv und unglaublich anhören, aber ich habe dem Vater meiner Kinder noch einmal vertraut. Das sollte sich als mein größter Fehler herausstellen. Denn aus einem Narren wird kein König, nur weil jemand ihm das Zepter in die Hand drückt. Die ersten zwei Wochen bis zur endgültigen Rechtskraft des Urteils lief alles tadellos. Ich holte die Kinder am Freitagmittag aus dem Kindergarten und brachte sie am Montagmorgen wieder zurück. Alles schien perfekt zu sein. Den Schmerz und die Sehnsucht nach meinem Fleisch und Blut, die mich die ganze Woche über lähmte, verdrängte ich - tagsüber mit Arbeit, abends mit Bier. Doch es kam alles anders. Nach dem Verstreichen der zweiwöchigen Einspruchsfrist durfte ich Marcus und Andrea nicht mehr abholen. Ich stand vor Christians Wohnung, doch die Tür wurde mir nicht geöffnet. Nach ungefähr zwei Monaten voller Verzweiflung ging ich an einem Vormittag einfach in den Kindergarten. Ich betrat den Gruppenraum, wo Marcus gerade etwas bastelte und nahm ihn einfach in den Arm. Er sah mich wie eine Fremde an. Ich sprach mit ihm, versuchte, unbefangen zu reagieren und bastelte den grünen Papierdrachen mit ihm gemeinsam fertig. Mein Junge war beängstigend still. Wir hatten dem Drachen gerade orange Flügel verpasst, als ich von zwei Polizisten abgeführt wurde. Mein Ex-Mann hatte der Kindergartenleiterin eingeredet, ich wäre gefährlich wäre und wolle meine Kinder entführen. Sie hatte nur ihre Pflicht getan. Ich rastete aus, musste zwei Tage in Untersuchungshaft und wurde wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt zu einer Geldstrafe verurteilt. Gleich anfangs der nächsten Woche ging ich zum Gericht, um ein neues Verfahren zu beantragen. Irgendjemand musste mir doch helfen, meine Kinder wieder sehen zu dürfen. Auf diesen Gerichtstermin sollte ich aber noch vier Monate warten müssen. Ich ging zum Bürgermeister. Dann zum Sozialreferenten. Niemand war zuständig für eine Frau wie mich. Für eine Frau, die ihre Kinder weg gibt. Niemand wollte mir zuhören. Ich hatte keinen Platz mehr in der Gesellschaft. Ich hatte keine Hilfe mehr zu erwarten. Ich, eine Rabenmutter. (...)
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