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DER KÜHLSCHRANK
 

DER KÜHLSCHRANK
von Claudia Redlhammer

Kannst Du die Kälte fühlen? Die Frage meines Bruders erschreckte michl. Er war noch klein, sicher nicht älter als sieben oder acht.
Und ich?
Ich war damals schon um einige Jährchen älter, um genau zu sein, war ich gerade dabei eine junge Frau zu werden. Zumindest bemühte ich mich redlich.
Aber Michael, mein kleiner und von mir sehr geliebter Bruder hatte Recht. Wenn unsere Mutter das Zimmer betrat, war es uns, als würde jemand den Kühlschrank ganz weit, viel zu weit öffnen.
Es ist schwer jemanden zu beschreiben, ihn versuchen zu charakterisieren, wenn man ihn eigentlich gar nicht richtig kennt. Nie kennen lernen durfte, und irgendwann dann ( allerdings nur für einige Jahre) aufgab, ohne dabei einen großen Verlust zu spüren.
Dennoch werde ich es versuchen:
Meine Mutter war für uns Kinder tatsächlich wie ein großer Kühlschrank. Mit vielen Fächern, außen immer blitzblank geputzt. Einmal, als der Kühlschrank auf Sparstrom geschaltet wurde, unsere Mutter sehr krank wurde, konnten wir ein kleines Stück ihres Innenlebens erahnen. Es war ein hartes Stück Arbeit, wir mussten erst das ganze alte Zeug, die abgelaufenen Lebensmittel, die Verletzungen ihrer Seele aus früheren Zeiten, wegräumen. Wie dumm wir Kinder doch waren, wie grenzenlos optimistisch. Hatten wir doch tatsächlich die absurde Idee, gemeinsam würde es uns gelingen, die Temperatur des Kühlschranks etwas hinauf drehen zu können. Aber wir irrten. Sobald meine Mutter genesen war, putzte sie ihre äußere Hülle bis sie vor Sauberkeit strahlte, und kühlte ihr Inneres, das Alte und das Neue, das Gute und Böse in ihr wieder auf die alte, von uns so gefürchtete Temperatur ab.

Aber wer jetzt denkt wir hatten keine gute Mutter, der irrt. Wir haben etwas sehr wichtiges von ihr gelernt. Wir haben gelernt, uns perfekt in Szene zu setzen. Heute noch wenn man den Raum in dem sie gerade steht betritt, wird man ganz klein. Ihre Erscheinung war schon immer übermächtig und dominant, und ... und so strahlend. Es dauerte sehr lange bis ich durch den falschen Glanz hindurch die Wahrheit erkannte. Ich kann mich noch sehr gut an die vergeblichen Versuche erinnern, an das vergebliche Ziehen an der schweren Kühlschranktür. Diese verdammte Tür lies sich einfach nicht mehr öffnen. Nur ganz selten gelang es mir und Michael, wir brauchten dafür unsere ganze Kraft, die Türe wieder einmal einen Spalt weit zu öffnen. Und obwohl wir doch wussten wie kalt die Luft sein würde die uns da entgegen strömte, in unserem kindlichen Übermut waren wir nicht zu bremsen. Wir wollten einfach wissen, erfahren, spüren, wie auch immer man dieses Bedürfnis nach dem ins Innere Schauen eines Menschen auch nennen möge. Wir wollten einfach wissen, ob dass, was wir damals sehen durften, auch wirklich noch immer da war. Sollten wir uns wünschen, dass der Kühlschrank noch einmal für kurze Zeit abgeschaltet würde? Wir wussten es nicht.

Viele Jahre sind seitdem vergangen. Es gab auch Zeiten wo wir, besonders ich, müde waren. Müde von den vergeblichen Versuchen der letzten Jahrzehnte. Ich hatte lange Zeit nicht den Mut das Zimmer zu betreten wo der Kühlschrank stand. Nicht einmal in die Nähe des Hauses getraute ich mich.
Aber wir, mein kleiner Bruder und ich, wir sind erwachsen geworden. Oder wir glauben es zumindest. Wir haben gelernt, dass es egoistisch und kaltherzig wäre, immer noch an dieser Kühlschranktür zu reißen.Und seit diesem Loslassen, dürfen wir manchmal, sogar ohne fragen zu müssen, ohne Gewalt anzuwenden, die Kühlschranktür weit öffnen und hineinschauen. Längst wurde die Temperatur auf ein erträgliches Maß hinaufgedreht. Meine Mutter hat ihr Herz in den letzen Jahren mehr und mehr für uns geöffnet, und oft erschrecken wir über dessen Inhalt.
Denn der ist längst abgelaufen.