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DER FLUSS
 

DER FLUSS
von Claudia Redlhammer

Kathrin blickt in den Fluss, der vor ihren Füssen liegt. Er ist fast schwarz in dieser schwülen Sommernacht. Nur der Mond erleuchtete ihn ein wenig. Als sie vor wenigen Minuten die letzten Meter vom Hügel Ihres Dorfes zum Wasser einschlug, war es still in ihr geworden. Wunderbar still. Ihre Schritte sind fest und sicher. Ihr Atem ist ruhig und kräftig. Sie atmet hinein in ihren Bauch, versucht das Leben in sich zu spüren. Das kleine Herz, das nun ganz dicht unter ihrem schlägt. Kathrin ist bewusst, dass diesmal ein ausgiebiges Bad in dem großen Fluss nicht mehr ausreichen wird. Der Schmerz, die Wut und die Enttäuschung sind einfach nicht mehr abzuwaschen. Ihre Entscheidung ist gefallen. Sie würde in die Fluten, die so voller Ekel, so voller Sünde der letzten Jahre sein mussten, endgültig und für immer eintauchen. Dieses Mal würde sie nicht aus dem Wasser steigen und sich einreden können, dass alles gar nicht real gewesen wäre, dass sie nur einen bösen Traum gehabt hätte. Ein Albtraum, der nun schon sieben Jahre andauerte.

Die Bewegungen des Kindes in Ihrem Bauch sind der Beweis. Der lebendige Beweis für die unfreiwillige Sünde, die sie tagaus, tagein mit Ihrem Vater begeht. Kathrin erinnert sich an den Anfang vom Ende, als ihr Vater das erste Mal ins Zimmer kam und sie überall dort, wo die Mutter immer sagte, dass diese Körperstellen etwas besonderes waren und nur ihr gehörten, berührte. Es geschah kurz nach ihrem achten Geburtstag. Der Vater flüsterte ihr ins Ohr, wie schön sie sei, und wie sehr er sie doch liebte. Dass sie seine kleine Frau wäre ...“aber verdammt noch mal“ schrie es schon damals in der kleinen Kathrin, „ich möchte nicht deine Frau sein, ich möchte ein Kind sein.“ Aber all Ihr Weinen und Betteln half nicht. Fast täglich kam er in ihr Zimmer und die Übergriffe wurden immer dreister, immer fordernder.

Kurz vor ihrem zehnten Geburtstag hat er sie dann das erste Mal wie eine richtige Frau genommen. Der Vater erstickte ihren Schrei mit ihrem Polster. Der Schmerz in ihrem Unterleib hielt noch viele Tage an. Zu dieser Zeit begannen ihre Waschrituale im Fluss. Ihre Mutter sagte immer, dass man alles abwaschen kann. Man muss sich nur Mühe geben. Was meinte sie damit?

Kathrin bemühte sich redlich. Aber der Schmerz, die Angst und der alles beherrschende Ekel waren übermächtig. Oft stand sie einige Stunden im Wasser. Bis ihre Beine schmerzten, denn das Wasser war auch noch im Sommer schrecklich kalt. Aber egal wie sehr sie sich auch anstrengte. Die Ohnmacht blieb. Einmal grub sie im Garten ein Grab und schnitze in das Holzkreuz, dass sie aus zwei Ästen hineinsteckte den Namen des gehassten Vaters. Am darauffolgenden Sonntag, die beiden Geschwister waren in der Kirche, vergewaltigte er sie auf so brutale Art und Weise, dass sie ohnmächtig wurde. Als Kathrin wieder zu sich kam, war ihr Hass so übermächtig, dass sie die Schneiderschere Ihrer Mutter aus der Kommode im Wohnzimmer nahm und auf den schlafenden Vater einstach. Er überwältigte das Mädchen mit Leichtigkeit und lachte laut über den einzigen Versuch, den sie jemals unternahm, sich zu wehren. Das Schlimmste aber für sie war, dass er sie in ihrem Zimmer einsperrte. Was sollte sie nur tun? Sie musste zum Fluss um ihn, den Vater abzuwaschen. Ihre Haare waren verklebt von seinem Schmutz.

Der ganze Körper voller Blut. Mit der Schere, die sie noch immer fest umklammert in der Hand hielt, begann sie sich völlig wirr die langen, blonden Haare abzuschneiden. Mit der Innenseite der Schere schabte sie sich das Blut und das Sperma des Vaters vom Körper. Als die Mutter nach Hause kam, bekam Kathrin nur Schelte wegen der Haare. Wenigsten säuberte und verband die Mutter die Wunden, die sich das Kind mit der Schere zugefügt hatte. Mit keiner Silbe fragte sie warum.

Heute, wo Kathrin das letzte Mal am Fluss steht überlegt sie, warum die Mutter ihr eigentlich nie geholfen hatte. Wollte oder konnte sie die Wahrheit nicht sehen. Warum erkannte sie denn die eindeutigen Beweise nicht. Die blutige Bettwäsche, das völlig desorientierte Kind? Irgendwann hat Kathrin angefangen, auch sie zu hassen.

Und heute, heute ist sie schwanger. Sie sollte ein Kind vom Steifvater bekommen. Zum fünfzehnten Geburtstag hatte Kathrin von Ihrer Großmutter zwanzig Euro bekommen. Damit hatte sie sich in der Apotheke am Marktplatz, gleich gegenüber der Kirche, einen Schwangerschaftstest gekauft. In der öffentlichen Toilette hat sie, starr vor Angst, auf das Ergebnis gewartet. Ein Ergebnis, das sie eigentlich schon lange kannte. Ihre Brüste wurden immer größer, ihr Bauch wölbte sich deutlich und seit einigen Tagen konnte sie auch die Bewegungen des Kindes in sich spüren. Heute Morgen fuhr die Mutter für einige Tage mit den Geschwistern zur Großmutter nach Norddeutschland. Auf Sommerfrische. Wie immer blieben Kathrin und der Vater alleine. Sie wartete bis er eingeschlafen war, und holte dann, diesmal ganz ruhig, das große Fleischermesser aus der Lade im Küchenschrank. Und mit aller Kraft stach sie ihm mehrmals ins Herz. Er zuckte wie ein Schwein beim Schlachten. Wie oft hatte sich Kathrin vorgestellt, dass sie dieses Schwein seiner für sie gerechten Strafe zuführen würde. Als kleines Mädchen hatte sie sich immer gefragt, sie hatte damals beim Bauer Huber oft beim Schlachten zugesehen, was die Schweine denn getan hätten, um auf diese grausame Weise getötet zu werden. Die Mutter wurde immer sehr böse wenn sich die Kinder nicht ordentlich wuschen. Bestrafte der Bauer die Schweine für ihren Genuss, sich im Dreck zu wälzen? Ganz am Anfang hatte sie sich selbst die Schuld für alles gegeben. Hatte versucht sich einzureden, dass der Vater sie einfach mehr lieben würde als die Geschwister. Aber je älter sie wurde, desto mehr erkannte sie, dass sie keine Verantwortung für das trug, was ihr der Vater seit so langer Zeit immer wieder antat. ER war ein Schwein, und Schweine gehören nun einmal, wenn die Zeit für sie gekommen ist, geschlachtet.

Kathrin hörte erst auf zuzustechen, als er sich nicht mehr bewegte. In der Küche nahm sie einen kräftigen Zug aus einer halbleeren Schnapsflasche ihrer Mutter, wusch sich die Hände und schlug zum letzten Mal den schmalen Pfad zum Fluss hinunter ein.